von : Annemarie Mitterhofer
Angelika, du bist jetzt sechs Jahre und fünf Monate Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs. Wenn du im Geiste die sechs Jahre zurückgehst und dich an deine damaligen Vorstellungen und Erwartungen erinnerst, bist du überrascht, wie sich alles entwickelt hat?
Ich bin von der Entwicklung vollkommen überrascht worden! Wenn ich zurückschaue, war das aber logisch. Nur habe ich das damals nicht gesehen. Die kfbö (Katholische Frauenbewegung Österreichs) hat sich in einer turbulenten Phase befunden, was die Finanzierung anbelangt. Bevor ich zur Vorsitzenden gewählt wurde, war ich kooptiertes Mitglied. In dieser Funktion musste ich die finanziellen Dinge offenlegen und Klartext reden. Das hat zuerst Panik ausgelöst, weil die Wahrheit bezogen auf Finanzen, die man in Ordnung bringen muss, keine Begeisterungsstürme auslöst. Und bald ist die Frage aufgetaucht: Wer macht das jetzt weiter? Ich war damals 60 und bin vor der Wahl gestanden, in Pension zu gehen, was ich eigentlich nicht wollte, oder zu sagen: Ich engagiere mich weiter im Frauenbereich und übernehme jetzt den Vorsitz. Und da Hartnäckigkeit zu meinen Eigenschaften gehört, bin ich drangeblieben.
Wie war das dann, als du gewählt warst?
Zuerst muss ich sagen: Die Vorstandwahl hat damals ja in der Corona-Zeit stattgefunden. Und ich glaube, dass wir als kfbö die erste Organisation in Österreich waren, die komplett virtuell eine neue Vorsitzende gewählt hat. Soviel ich weiß, sogar noch bevor das neue Gesetz dafür Rechtsgültigkeit hatte. Das war ein erster Erfolg für die kfbö, gerade weil wir nicht dadurch glänzen, dass wir so viele junge Frauen haben. Aber alle Frauen in allen Altersstufen haben dieses komplizierte Verfahren der anonymen, virtuellen Wahl ohne Probleme geschafft. Meine beiden Stellvertreterinnen und ich haben uns dann sofort um die Finanzen gekümmert. Damals war die kfbö noch Volleigentümerin des Verlags „Welt der Frauen“. Doch der Verlag war ins Minus geschlittert. Für uns war klar, diese Abwärtsspirale muss gestoppt werden. Denn als ehrenamtliche Organisation haben wir nicht die Möglichkeit, einen Betrieb aus einer solchen wirtschaftlichen Situation herauszuführen. Ich bin sehr froh, dass wir da klar waren und gemeinsam die Entscheidung getroffen haben, den Verlag zu verkaufen. Und es ist uns gelungen, ihn so zu verkaufen, dass wir aus der Verantwortung gehen konnten und der Verlag gut weitergeführt werden konnte.
Welche inhaltlichen Themen waren dir zu Beginn wichtig? Ich habe ein Zitat aus der damaligen Zeit gefunden. Da sagst du, du siehst Frauen als Befreite und die kfbö soll eine Gemeinschaft sein, die Frauen zu sich selbst und zu Gott befreit. Ist Freiheit für dich heute immer noch zentral?
Nachdem wir in einer Welt leben, die Frauen diskriminiert, habe ich als Frau immer die Wahl: Bin ich Opfer oder bin ich Gestalterin meines Lebens und der Strukturen, die mich umgeben? Für mich ist es eine wichtige strategische Entscheidung, zu sagen: Ich bin nicht das Opfer, sondern ich bin die Gestalterin, ich bin die Befreite. Ich bin nicht so naiv, dass ich nicht sehe, wo die Grenzen sind. Aber Grenzen haben Menschen immer. Ich glaube nicht, dass es uns weiterbringt, wenn wir auf dem Negativen herumreiten. Denn jedes Mal, wenn wir das Negative benennen, kommt es wieder in die Welt. Und deswegen bemühe ich mich immer, und das ist wirklich ein innerer Auftrag, statt der Defizite die Zukunft heraufzubeschwören.
Kannst du ein Beispiel nennen?
Ja, die Enzyklika von Papst Leo zum Thema AI (Artifical Intelligence, deutsch: Künstliche Intelligenz). Man könnte viel dazu bemerken, wie Frauen in dieser Enzyklika vorkommen. Aber mir ist wichtig, zu sagen: Das ist ein wertvoller Text für die Menschheit. Wir Frauen sehen jetzt das Glas halb voll, und wir machen etwas daraus. Wir haben die Macht und Gestaltungsfreiheit, uns Fragen zu stellen: Was bedeutet Künstliche Intelligenz für Frauen? Was bedeutet es, wenn die Algorithmen patriarchal männlich bestimmt sind? Das sind auch ethische Fragen, die die Kirche als Ganzes betreffen. Wir als kfbö arbeiten an einer Haltung, die aus unserer Sicht Allgemeingültigkeit haben soll.
In deiner Funktion als Vorsitzende der kfbö nimmst du eine Doppelrolle ein. Du bist einerseits das Gesicht und die Stimme der kfbö nach außen. Als solche sprichst du für ganz Österreich. Gleichzeitig bist du im Büro als Arbeitgeberin für die hauptamtlich Angestellten zuständig. Wie hast du diese unterschiedlichen Rollen jeweils ausgestaltet?
Ich finde diese unterschiedlichen Erfordernisse sehr herausfordernd, weil sie auf so verschiedenen Ebenen passieren. Bisher wurden diese Ebenen in der kfbö mehr oder weniger unreflektiert gelebt. Jetzt haben wir zeitgemäße Statuten, die uns als Organisation abbilden und die auch die offizielle Anerkennung der Kirche haben. Im Zuge der Neuaufsetzung der Statuten hat es viel Kommunikation zu den Diözesen gebraucht. Das hat uns als Vorstand sehr gefordert. Aber es ging nicht anders, weil die Diözesen ja ihren Dachverband selbst mitgestalten, beziehungsweis gestalten sollen. Das Bewusstsein, dass alle für das Gemeinsame verantwortlich sind, ist ein Lernprozess. Aber über viel Kommunikation ist das gelungen. Darauf bin ich stolz. Das andere ist das Thema, Arbeitgeberin zu sein. Das ist eine Funktion, die in dieser Form keine Vorsitzende vor mir so gehabt hat, weil die Anstellungsverhältnisse von der Bischofskonferenz in den Verein verlagert wurden. Das bedeutet einen riesigen Kulturumbruch bei allen Beteiligten. Ob die Gestaltung dieses Kulturumbruchs gut gelungen ist, weiß ich nicht. Doch er war und ist notwendig. Da sind wir immer noch im Prozess. Das ist die große Herausforderung auch für unsere Nachfolgerinnen. Es muss ihnen bewusst sein, dass sie ehrenamtlich auch in einen Betrieb einsteigen.
Was sind für dich die Hauptunterschiede, ob du in einen Betrieb hauptamtlich als Leiterin einsteigst oder ehrenamtlich? Du warst ja auch lange hauptamtliche Leiterin des Frauenreferats der Diözese Innsbruck. Du kennst also beides.
Als ich hauptamtliche Dienststellenleiterin war, war ich eingebettet in eine Organisation, mit den entsprechenden Stützsystemen. Und im Verein habe ich diese Stützsysteme nicht. Sondern ich bin auf einmal verantwortlich, diese Systeme erst zu schaffen, weil es sie gar nicht gegeben hat. Und das ist eine komplett andere Herausforderung. Wenn man Mitarbeiterinnen hat, ist es sehr wichtig, dass man mit ihnen gemeinsam diese Systeme entwickelt. Auch vor dem Hintergrund, dass in einer Frauenorganisation das Thema Hierarchien sehr kritisch betrachtet wird.
Inwieweit können neue Statuten in so einer Situation helfen?
Sie sind sehr hilfreich, weil in den Statuten auch die Rechte und Pflichten, bezogen auf die einzelnen Funktionen beschrieben sind, genauso wie die der Gremien. Um ein Beispiel zu sagen: Vorher war nicht klar, wer eigentlich Mitglied bei der kfbö ist. Wir haben alle ein Selbstverständnis von uns gehabt, aber die Mitgliedschaft war rechtlich nicht geregelt. Und damit war es natürlich auch auslegbar. Das haben wir jetzt klar geregelt. Dass die einzelnen kfb-Organisationen in den Diözesen die Dachorganisation mittragen und wie das passieren soll.
Wie fühlt sich für dich persönlich der Unterschied zwischen einer ehrenamtlichen Leitungsfunktion und einer hauptamtlichen an?
Die ehrenamtliche Leitungsfunktion ist viel herausfordernder. Bezogen auf deine Eingangsfrage, ob ich gewusst habe, worauf ich mich da einlasse. Das habe ich nicht gewusst. Als Hauptamtliche habe ich zum Beispiel einmal ein Bild für eine Zeitschrift verwendet, für das die Rechte aus meiner Sicht sehr klar waren. Aber aus Sicht des Besitzers haben wir das Bild angeblich missbräuchlich genutzt. Dahinter steckte offenbar ein Geschäftsmodell. Aber das nur nebenbei. Der Fall musste vor Gericht ausgefochten werden. Aber am Gericht war damals nicht ich, sondern der Generalvikar. Und die Rechtsabteilung der Diözese hat gemeinsam mit dem Generalvikar diese Sache geregelt. Wenn mir dasselbe im Verein passiert, dann ist kein Generalvikar und keine Rechtsabteilung da, sondern dann stehe ich vor der Herausforderung: Wen frage ich? Wer kann uns helfen? Und wie kann das geregelt werden? Das habe ich am Anfang nicht gewusst, dass ich mir das einhandle.
Wie stellst du dir jetzt die Übergabe an den neuen Vorstand vor?
Ich hoffe, dass es uns als Organisation gelingt, dass wir das Wissen, das wir im Laufe der letzten sechs Jahre gesammelt haben, gut weitergeben. Dass es eine Genealogie gibt und keine Unterbrechung. Wir Frauen sind ja berühmtberüchtigt für diese Unterbrechungen. Doch auch hier bin ich voller Zuversicht.
Wenn wir jetzt das Experiment wagen und sechs Jahre vorausschauen, was glaubst du werden die größten Meilensteine des nächsten Vorstands der kfbö gewesen sein?
Ich glaube, dass momentan in der Kirche ein guter Zeitpunkt ist, das Thema Frauen in die Zukunft zu führen und positiv zu bearbeiten. In den nächsten sechs Jahren wird sich diesbezüglich viel entwickeln. Ich getraue mir zu sagen, dass dieser Prozess nicht mehr aufhaltbar ist. Und es sind sehr viele positive Schritte gesetzt.
Für den neuen Vorstand wird aufgrund unserer organisatorischen Neuaufstellung mehr Potenzial frei sein, um sich als kfbö in die gesellschaftspolitischen Debatten einzumischen. Die Mischung aus kirchenpolitischer und gesellschaftspolitischer Debatte liegt in der DNA der kfbö. Dadurch entsteht auch wieder ein Arbeitsauftrag nach innen, sich miteinander weiterzuentwickeln. Ich glaube, dass die Diözesen da sehr offen sein werden. Wir können gemeinsam etwas bewirken!
Und wie geht es jetzt für dich persönlich weiter?
Ich habe das Interesse am Thema Kirchenpolitik und Frauenpolitik nicht verloren. Im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass sich da etwas Neues finden wird.
Darauf sind wir schon gespannt! Vielen Dank für das Gespräch!
Angelika Ritter-Grepl studierte Kritische Geschlechter- und Sozialforschung. Während ihrer Vorsitzperiode wurde die Katholischen Frauenbewegung Österreichs umfassend neu organisiert. Daneben beteiligte sie sich intensiv am weltweiten synodalen Prozess. Aufgrund ihres Engagements wurden von der kfbö zwei wichtige Eingaben im Vatikan gemacht mit dem Ziel, das geltende Kirchenrecht im Sinne der Geschlechtergleichstellung dauerhaft zu verändern.