„Wir haben immer gestaltet“ | Enzyklika „Magnifica Humanitas“ und unser Einsatz für eine geschlechtergerechte Welt.

Als Papst Leo XIV. sein Lehrschreiben „Magnifica Humanitas“ mit dem Magnificat beschloss, dem prophetischen Lobgesang Marias, zog er eine Linie, die weit über die Gegenwart zurückreicht. Frauen denken, deuten und gestalten die Welt seit Jahrhunderten. Zwei von ihnen stehen stellvertretend für diesen langen Atem: Hildegard von Bingen und Christine de Pizan.


 

Die Stadt der Frauen und die Stadt Gottes

Im Jahr 1405 schrieb Christine de Pizan ihr Hauptwerk: Le Livre de la Cité des Dames. Das Buch von der Stadt der Frauen. Darin ließ sie drei allegorische Gestalten erscheinen: Vernunft, Rechtschaffenheit und Gerechtigkeit. Gemeinsam mit ihr errichteten sie eine imaginäre Stadt, deren Mauern aus den Leistungen, der Würde und der Weisheit von Frauen aus Geschichte, Mythologie und Heiligenüberlieferung bestehen. Christine de Pizans Antwort auf die frauenfeindliche Literatur ihrer Zeit war kein Klagelied. Es war ein Bauprojekt.

Die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ entwirft ebenfalls ein Bild der Stadt: das Jerusalem nach Nehemia, mühsam und gemeinschaftlich wieder aufgebaut, und darüber hinaus die Stadt Gottes der Offenbarung, als Horizont einer Welt, in der soziale und geschlechterbezogene Gerechtigkeit keine Forderung mehr sind, sondern Wirklichkeit. Christines Stadt der Frauen und die Stadt Gottes sprechen dieselbe Sprache: Frauen sind keine Randfiguren in der großen Geschichte der Menschheit. Sie sind Erbauerinnen.

Christine de Pizan wusste, wie es sich anfühlt, unsichtbar gemacht zu werden. Sie wusste auch, wie man dagegen schreibt. Ihre allegorischen Frauengestalten, Vernunft, die klärend fragt; Rechtschaffenheit, die gerecht urteilt; Gerechtigkeit, die trägt und ordnet, sind keine frommen Dekorationen. Sie sind Strukturprinzipien. Eine feministische Epistemologie avant la lettre.

 

Hildegard von Bingen: Weisheit als weibliche Gestalt

Drei Jahrhunderte früher, im 12. Jahrhundert, empfing Hildegard von Bingen ihre Visionen und setzte sie in Bild, Wort und Klang um. In ihrem Werk Scivias erscheint die Weisheit Gottes, die Sapientia, als weibliche Gestalt, leuchtend und sprechend. In ihrem Ordo Virtutum, dem ältesten bekannten Moralspiel der Geschichte, treten die Tugenden als Frauengestalten auf: Demut (Humilitas), Liebe (Caritas), Glaube, Hoffnung, Keuschheit, Bescheidenheit. Sie singen. Sie streiten. Sie ringen mit dem Bösen. Sie gewinnen.

Hildegard dachte die Tugenden nicht als abstrakte Eigenschaften, sondern als Handlungsmächte, als Kräfte, die in die Welt eingreifen, die Schöpfung ordnen, das Verlorene zurückrufen. Ihr Begriff der viriditas, der grünenden Lebenskraft, meinte genau das: eine schöpferische Energie, die allem Lebendigen innewohnt und die sich gegen Erstarrung, gegen Ausbeutung, gegen den Tod behauptet.

Was hat das mit Künstlicher Intelligenz zu tun? Mehr, als es zunächst scheint. Die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ warnt davor, dass KI-Systeme die Stereotypen und Machtstrukturen ihrer Entwicklerinnen und Entwickler reproduzieren. Hildegard würde fragen: Wo ist die viriditas in einem System, das historische Ungleichheiten einfach fortschreibt? Wo ist die Lebendigkeit in Daten, die Wirklichkeiten von Frauen, des Globalen Südens, von Menschen mit Behinderungen systematisch verzerren oder unsichtbar machen?

 

Gestalterinnen, nicht Zuschauerinnen

Christine de Pizan und Hildegard von Bingen lebten in Welten, die ihnen das Wort zu entziehen versuchten. Beide haben es trotzdem ergriffen. Beide haben Bilder geschaffen, die bis heute tragen.

Die kfbö versteht sich in dieser Linie. Wir bringen eine christlich-feministische Tradition in die Gegenwart, die weiß: Gerechtigkeit muss erarbeitet werden. Die Stadt Gottes entsteht nicht von selbst. Sie braucht Erbauerinnen.


„Magnifica Humanitas“ lädt dazu ein. Wir nehmen die Einladung an.


 

 

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