Unsere Presseaussendung anlässlich der Enzyklika „Magnifica Humanitas“:
Mit Dankbarkeit und Überzeugung begrüßt die Katholische Frauenbewegung Österreichs (kfbö) die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ von Papst Leo XIV. Das Lehrschreiben vom 25. Mai 2026 stellt einen wegweisenden Beitrag zur Frage dar, was es bedeutet, in einer Welt künstlicher Intelligenz menschlich zu bleiben und wie eine menschenrechtsbasierte KI-Entwicklung konkret aussehen kann. Für uns als kfbö ist klar: Wir sind keine Zuschauerinnen in diesem Prozess. Wir sind Gestalterinnen.
Der Papst entwirft drei theologische Zukunftsbilder, die den Möglichkeitsraum unserer Gegenwart aufspannen. Das erste ist der Turmbau zu Babel: ein Bild für technologische Hybris, für die Konzentration digitaler Macht in wenigen Händen, für den Ausschluss der Schwachen im Namen von Effizienz. Das zweite ist Jerusalem nach Nehemia: der mühevolle, gemeinschaftliche Wiederaufbau, in dem Verantwortung geteilt wird und der Mensch in seiner Würde und Beziehungsfähigkeit in der Mitte steht. Das dritte Bild, und hier denken wir als kfbö weiter, ist die Stadt Gottes der Offenbarung: die vollendete Schöpfung, in der Gott unmittelbar bei den Menschen wohnt, in der Zerstörerisches überwunden und Heilung vervollständigt ist. Eine Gemeinschaft, in der soziale Gerechtigkeit und geschlechterbezogene Gerechtigkeit keine Forderung mehr sind, weil sie Wirklichkeit sind. Das ist unser Horizont. Das ist das Bild, das unsere Arbeit trägt und das uns in gesellschaftliche Debatten hinein führt, nicht weg von ihnen.
Besonders bedeutsam ist für uns, dass der Papst die Gestaltung künstlicher Intelligenz als gemeinsamen Prozess definiert: nicht als Entscheidung von Wenigen, sondern als Aufgabe der gesamten Menschheit. Das ist eine Einladung und wir nehmen sie an. Frauen wirken, sie sind keine Beobachtenden in diesem Prozess. Wir sind Gestalterinnen. Wir bringen unsere Perspektiven, unsere Erfahrungen und unser christlich-feministisches Erbe in diese Verantwortung ein.
„Die kfbö begrüßt diese Enzyklika von Herzen. Papst Leo XIV. beendet sein Lehrschreiben mit dem Magnifikat, der prophetischen Stimme Marias, die Gerechtigkeit nicht als frommen Wunsch, sondern als Wirklichkeit Gottes singt: Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Diese Stimme ist kein Frömmigkeitszusatz. Sie ist ein Strukturelement der kirchlichen Soziallehre. Wir nehmen sie beim Wort.„
Angelika Ritter-Grepl, Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs
Dass menschenrechtsbasierte KI-Entwicklung kein frommer Wunsch bleiben darf, machen die Erkenntnisse feministischer Datenwissenschaft eindringlich sichtbar. Die Enzyklika warnt davor, dass KI-Systeme die Stereotypen oder ideologischen Standpunkte ihrer Entwicklerinnen und Entwickler widerspiegeln und ausgrenzend wirken können. Diese Warnung verdient eine präzisere Benennung: Algorithmischer Bias ist keine abstrakte ideologische Schieflage. Er ist konkret und er ist oft sexistisch und rassistisch. Trainingsdaten, die auf historisch gewachsenen Ungleichheiten basieren, reproduzieren diese in großem Maßstab. Was im Code als „neutral“ erscheint, trägt häufig die Handschrift überwiegend weißer, männlicher Entwicklungsteams und schreibt strukturelle Benachteiligungen fort, anstatt sie zu überwinden.
Daten sind nie neutral. Sie spiegeln die Machtverhältnisse wider, unter denen sie erhoben, selektiert und interpretiert wurden. Feministische Datenkritik fragt daher nicht nur, welche Daten gesammelt werden, sondern auch: Wessen Wirklichkeit wird damit sichtbar und wessen bleibt unsichtbar? Eine intersektionale Perspektive zeigt, dass Diskriminierung selten eindimensional ist: Frauen, Menschen aus dem Globalen Süden, Menschen mit Behinderungen und viele andere sind in Datensätzen systematisch unterrepräsentiert oder verzerrt abgebildet. Die „digitale Macht“, von der die Enzyklika spricht, entscheidet, was als Normalfall gilt und was als Abweichung. Daher müssen Frauen auf allen Ebenen in diese Tech-Welt integriert werden und mitentscheiden.
Eine ethische, menschenrechtsbasierte KI-Entwicklung muss feministische Datenkritik strukturell integrieren, nicht als nachträgliche Ergänzung, sondern als Grundbedingung. Das ist keine politische Forderung einer Interessensgruppe. Es ist eine Anforderung an die Glaubwürdigkeit technologischer Systeme, die für alle Menschen Geltung beanspruchen. Darin sehen wir eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, eine, der sich die kfbö als kirchliches Netzwerk, als feministische Stimme in der Zivilgesellschaft und als Teil einer weltweiten Frauenbewegung verpflichtet weiß.
Wir gestalten. Wir haben immer gestaltet. Und wir nehmen die Einladung dieser Enzyklika an: an der Stadt Gottes mitzuwirken, gerecht, inklusiv, dem Menschen, insbesondere den Frauen, in seiner ganzen Würde zugewandt.