Gerechtigkeit als Schöpfungsprinzip
In der Wüste murrt das Volk Israel: kein Wasser, kein Vertrauen, keine Zukunft. Mose schlägt auf Gottes Geheiß an den Felsen von Horeb, und Wasser fließt „vor den Augen der Ältesten Israels“ (Ex 17,1-7), öffentlich, für alle sichtbar, für alle zugänglich. Die Geschichte erzählt von einem Grundprinzip biblischer Gerechtigkeit: Lebensnotwendige Ressourcen dürfen nicht Einzelnen vorbehalten bleiben.
Auch das Sabbatjahr der Tora kennt dieses Prinzip: Alle sieben Jahre sollte das Land ruhen, Schulden erlassen und Besitz neu verteilt werden. Wirtschaftliche Gerechtigkeit ist Teil der Schöpfungsordnung, nicht ihr Gegenteil.
Wo Haushalte kein ausreichendes Einkommen haben, wo Frauen von wirtschaftlichen Entscheidungen ausgeschlossen bleiben, wird diese Ordnung verletzt. Christlich-feministisch gelesen ist das kein Randthema: Wirtschaftliche Ausgrenzung von Frauen ist eine der ältesten und beharrlichsten Formen, in denen dieses Prinzip missachtet wird, bis heute. Menschenrechte und Haushaltseinkommen mögen technisch klingen, theologisch gelesen sind sie derselbe Anspruch, der schon am Felsen von Horeb gestellt wurde: Wasser, Einkommen, Würde für alle, nicht nur für die, die ohnehin schon Zugang haben.