Sommerstudientagung-Eröffnungsrede der Vorsitzenden Angelika Ritter-Grepl

Gesundheit und Spiritualität

–  Was hat Gesundheit mit Spiritualität zu tun? Ein Blick auf die Thematik „ganzheitliche Gesundheit“ zeigt uns diese Verbindung auf. Die WHO versteht darunter körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden. Gesundheit ist aus christlicher Sicht mehr als die Abwesenheit von Krankheit. Sie ist ein dynamischer Prozess, in dem Körper, Seele, Geist, Beziehungen und die Schöpfung in eine heilsame Ordnung hineinwachsen.

Wir Menschen sind nach biblischem Verständnis eine Einheit aus Körper, Geist und Seele und wir leben in Beziehungen, und zwar zu Gott, zu unseren Mitmenschen und zur Schöpfung. Gesundheit ist daher mehr als ein medizinischer Zustand – es ist eine Lebenshaltung. Medizin ist dafür unverzichtbar.

Zugleich brauchen wir Menschen: Sinn, Gerechtigkeit, Heilung, Hoffnung und Lebenskraft. Diese Dimensionen verbinden christliche Spiritualität mit modernen Erkenntnissen der Gesundheitswissenschaft.

Die Dimension der Lebenskraft bezeichnet Hildegard von Bingen mit dem Begriff Viriditas – die Grünkraft Gottes: Sie ist die Kraft, die alles Leben wachsen lässt. Gesundheit beginnt dort, wo wir diese Lebenskraft pflegen – durch ausgewogene Lebensführung, Gebet, Musik, Natur, Gemeinschaft und Zeiten der Ruhe. Wir können nicht ständig geben; auch unsere Seele braucht Nahrung.

Menschen können körperlich stark sein und trotzdem innerlich leer. Die Frage nach dem Sinn führt uns in eine tiefere Dimension von ganzheitlicher Gesundheit. Die Salutogenese fragt nach den Quellen von Gesundheit und zeigt auf, dass Menschen resilient werden, wenn sie ihrem Leben Sinn geben können, wenn wir das Leben verstehbar, gestaltbar und sinnvoll erleben. Der christliche Glaube schenkt Sinn. Er sagt uns: Unser Leben ist gewollt, getragen und hat eine Berufung. Sinn gibt Kraft, Krisen zu bewältigen.

Diesen religiösen Blick auf Gesundheit nimmt die feministische Theologie auf und ergänzt diese Perspektive um die soziale Dimension: Gesundheit hängt von sozialen Bedingungen ab.

Gesundheit gedeiht nicht allein durch individuelle Lebensführung. Sie braucht gerechte Strukturen, Teilhabe und Anerkennung. Ausgrenzung Diskriminierung und Machtmissbrauch verletzen Menschen tief – körperlich, psychisch und spirituell.

Gerechtigkeit ist daher essenziell, eine Voraussetzung für ganzheitliche Gesundheit und daher auch eine der wichtigsten Bedingungen zur Gesundheitsförderung.

Die Bibel erzählt zahlreiche Heilungsgeschichten. Jesus begegnet uns als Heiler, der nicht nur körperliche Krankheiten heilt, sondern Menschen aufrichtet, Schuld vergibt und Ausgegrenzte zurück in die Gemeinschaft führt. Heil ist immer auch Wiederherstellung von Beziehungen – zu Gott, zu Menschen und zu sich selbst.

In dien Heilungsgeschichten der Evangelien steckt Hoffnung, und zwar eine Hoffnung, die keine Vertröstung ist, sondern Kraft gibt, trotz Krisen und Krankheiten weiterzugehen.

Es braucht Kraft, um auch in schwierigen Zeiten an das Gute zu glauben. Viele von uns wissen um die Tragfähigkeit einer persönlichen Gottesbeziehung, die auch in einer lebendigen Gemeinschaft ihren Platz findet. Damit werden die Kirche und kirchliche Gemeinschaften wie die kfb zu wichtigen Orten der Heilung und Hoffnung.

Die katholische Soziallehre betont Menschenwürde, Solidarität, Subsidiarität und Gemeinwohl. Diese Prinzipien sind auch Grundlagen öffentlicher Gesundheit, wie in der Definition der WHO zu Gesundheit abgebildet. Aktuelle Resilienzforschung und Spiritual care zeigen zusätzlich, dass Hoffnung, Spiritualität, tragfähige Beziehungen eingebettet in gerechte Strukturen, die Gesundheit fördern.

Feministisch theologisch ausgedrückt kann gesagt werden:

‚Gesundheit entsteht dort, wo die von Gott geschenkte Lebenskraft in gerechten Beziehungen wachsen kann.‘

Die Katholische Frauenbewegung verbindet Spiritualität mit gesellschaftlichem Engagement. Sie stärkt Frauen und damit die Menschen in deren Umfeld, sie fördert Bildung und setzt sich für Gerechtigkeit ein. Die kfb schafft Räume, in denen Gesundheit wachsen kann – nicht nur medizinisch, sondern auch sozial, geistlich und kulturell.

Dieser Satz „Gesundheit entsteht dort, wo die von Gott geschenkte Lebenskraft in gerechten Beziehungen wachsen kann,“ verbindet Spiritualität, Menschenwürde und gesellschaftliche Verantwortung. Er erinnert uns daran, dass Gesundheit nicht nur Aufgabe der Medizin ist, sondern auch der Politik, der Kirche und jeder einzelnen Gemeinschaft.

Eine Gesellschaft, die gesund sein will, muss deshalb nicht nur in Medizin investieren, sondern auch in Bildung, Solidarität, Gleichwürdigkeit, Frieden und Spiritualität.

Die Katholische Frauenbewegung ist Anwältin für diese Forderungen und versteht diese gleichzeitig als Auftrag, wir handeln danach.

Wenn wir Hoffnung schenken, Würde achten, Teilhabe ermöglichen und aus dem Evangelium leben, tragen wir zur Heilung unserer Welt bei.

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